Die Ziege aus der Jin-Dynastie
Eine chinesische Fabel

Kaiser Yan aus der Jin-Dynastie hatte viele kaiserliche Konkubinen und eine Lieblingsziege. Nachts ließ der Kaiser, wenn er durch das Meer von Schlafzimmern ging, die Ziege vor sich hertraben. Wenn die Ziege stehen blieb, nahm der Kaiser dies als Wink des Himmels, dass er die Nacht im nächstgelegenen Zimmer verbringen solle. Bald stellte der Kaiser fest, dass die Ziege besonders oft vor der mit Perlenschnüren verhängten Tür der dreihundertelften Konkubine halt machte. Die Konkubine war in weiße Wolken gehüllt, in Erwartung des kommenden Schauers. Sie gebar dem Kaiser einen Sohn, der zum Kaiser Xing heranwuchs. Durch seinen Hunger nach einem Seehafen verlor der Kaiser Xing das Reich an angreifende Barbaren. Es war eine lange, komplizierte Geschichte, aber das Geheimnis der dreihundertelften Konkubine war einfach. Sie hatte Salz auf die Türschwelle gestreut, und die Ziege blieb dort stehen, um das Salz aufzulecken.

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„ La prière de la chèvre “
Mon fidèle berger,
Toi qui m’entoure et me protège
Chaque jour durant,
Je t’offre ma compagnie et ses
Agréments,
Guide – moi à l’ombre d’un
Bosquet,
Guide – moi à la fraicheur d’une source,
Ma nourriture frugale suffira à
Donner toute la saveur à mon lait,
Qui pour ta plus grande satisfaction
fera ta fierté.
(Autor ist mir nicht bekannt)

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Verloren

Der Weg hat aufgehört. Quer durchs Unterholz ist anstrengend. Spätestens nach zwei Stunden taucht Erschöpfung auf und mit ihr das beklemmende Gefühl, verloren zu sein. Im Wald verlaufen! Der Wald hört nie auf, denkt sie, egal in welcher Richtung. Sie ist ohne Richtung und damit kann sie schlecht umgehen. Schon damals, als Mutter «Hänsel und Gretel » vorlas. Es war die Hexe, die ins Lebkuchenhaus lockte, und heute ist es der Pan, der mit seinem Spiel eine uralte Angst weckt. Panik. Er kennt den Schatten und liebt die Lust. Und sie ist panisch immer tiefer in den Wald geraten.
Schon ihre Grossmutter musste durch den Wald. Sie hat im Wald das Beten gelernt. Die Enkelin betet nicht mehr. Gebete bringen ihr keine Erleichterung. Was aber hilft gegen Pan? Den Räuber des Verstandes, der seine Opfer mit reichen Phantasien schmückt, bis sie unverkennbar sein Werk, sich ihm und seiner Lust ergeben. Und dann? Ist da überhaupt was Schlechtes dran ? Wenn nicht, warum sich davor fürchten?
Zwischen den Bäumen wandert ihr Blick in die Tiefe. Kein Ende ist abzusehen. Bäume in endloser Wiederholung. Müde setzt sie sich hin und lässt den Kopf auf die Arme sinken. Dieser Wald hört nie auf. Sie weiss nicht, wieviel Zeit vergeht. Aber dann irgendwann wird die Stille plötzlich laut. Zweige knacken. Rascheln und Stampfen, als käme eine Kompanie Soldaten. –Halt, still gestanden! –
Quer geschlitzte Ziegenaugen gaffen sie an. «Wo kommt ihr denn her? Ziegen im im Wald!» Sie lacht. «Ihr kennt sicher einen Ausweg.» Das Grüppchen verharrt in gespannter Neugier. Und sie fühlt sich zwischen ihnen aufgehoben. Sie holt Block und Stift raus und fängt an, die eckigen Glieder und runden Bäuche zu skizzieren. Aber sie hat noch kein Tier auf dem Blatt, wie die Ziegen, angelockt durch die kleinen hastigen Bewegungen ihrer Hand näher rücken. Und noch näher. Die Hand schmeckt salzig. Der Stift holzig, der Stoff blumig. Der Bock riecht das andere Geschlecht. Und Papier lässt sich kauen. «Geht weg! So nah will ich euch nicht!» Von hinten zerrt es, auf der Seite pufft, am Rock zieht es. Ein warmer Atem streift ihren Arm. «Was soll das, lasst mich in Ruhe!» Der Bock senkt den Kopf, stemmt die Beine fest in die Erde und stösst. Sie springt auf. Die Stiftschachtel kippt aus. Die Ziegen sind sofort da. Sie will schneller sein, doch der Bock ist dagegen und ausweichen geht nicht . Sie hängt am Rockzipfel im Ziegenmaul. Das Skizzenblatt wird aus dem Block gerissen und verschwindet zwischen dem kauenden Mahlwerk. Sie bemüht sich um die letzte Ecke, während schmale Lippen schon das nächste Blatt raus ziehen. Von hinten stösst der Bock, und jetzt hat sie genug. Sie schreit, aber Ziegen tun schwerhörig. Und wieder pufft der Bock, diesmal in die Seite, und es tut weh. Sie fängt an zu laufen, und alle Ziegen hinterher. «Haut ab, lasst mich in Ruhe!» Sie will nur weg von diesem aufsässigen Pack. Und die Richtung ist jetzt auch egal. Doch so schnell wird sie die Tiere nicht los. Geht sie rascher, beschleunigen auch sie, und immer wieder tauchen ihre quer geschlitzten Augen zwischen den Stämmen auf. Lange hört sie es im Unterholz knacken, bis endlich nur noch das Geräusch der eigenen Schritte übrig bleibt. Und dann ist es soweit. Vor ihr öffnet sich der Wald. Die letzten Sonnenstrahlen liegen auf dem satten Wiesengrün. Erst jetzt hört sie ihr rasendes Herz und spürt die zerkratzten Beine. Sie hat Durst. Weiter unten sieht sie Häuser, und dort will sie hin.
(c) R. Ziegler

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